Physikalisch oder gemeinsam: Was das Leistungsverzeichnis bepreist
· Dennis Wieczorek

Kurz gesagt: Eine Ein-/Ausgabefunktion ist physikalisch, wenn dein GA-System die Größe selbst erfasst oder projektiert, über Klemme oder über Bus. Gemeinsam ist ein Wert, der als fertig projektierter Wert aus einem anderen System oder von einem anderen Auftragnehmer kommt. Der Übertragungsweg steckt in der Integrationsart, und genau die wird im Leistungsverzeichnis einzeln bepreist.
Inhalt
- Warum die Frage so oft auftaucht
- Was „physikalisch“ in der VDI 3814 meint
- Gemeinsame Datenpunkte als Wertefunktion
- Integrationsart: Hardware, Modbus, BACnet und M-Bus
- Acht typische Fälle mit Zuordnung und Begründung
- Wann ein Teilsystem wirklich gemeinsam ist
- So bildet ein Leistungsverzeichnis die Integrationsart ab
- Ausschreibungstexte in der GA-Coach App
- Fazit
Warum die Frage so oft auftaucht
Diese Frage bekomme ich bei GA-Coach® zurzeit ständig: Wann trage ich einen Datenpunkt als physikalisch ein, und wann als gemeinsam? Der Hintergrund ist meistens der Preis. Die Positionen für physikalische und für gemeinsame Funktionen unterscheiden sich in der Kalkulation teils deutlich, und eine spätere Änderung in den Schemen und Listen kostet viel Zeit.
In vielen Büros gilt seit Jahren eine einfache Hausregel: Was über Bus kommt, ist gemeinsam, und was potenzialfrei an der Klemme hängt, ist physikalisch. Die Firmen haben das meist stillschweigend akzeptiert. Mit der aktuellen VDI 3814 trägt diese Regel nicht mehr, denn die Richtlinie unterscheidet nach Herkunft und Projektierung der Größe.
Die Richtlinie ist an dieser Stelle ohne Erklärung schwer zu durchschauen, weil mehrere Blätter etwas dazu sagen. Die Grundlage bildet Blatt 3.1 mit den Funktionen. In Blatt 4.3 stehen die Beispiele, die du für das Verständnis unbedingt brauchst. Einen Grundlagenartikel zum Thema findest du unter Physikalischer und gemeinsamer Datenpunkt. Hier geht es um die Frage, was daraus für Ausschreibung und Preis folgt.
Was „physikalisch“ in der VDI 3814 meint
Das Wort bezieht sich auf eine Größe in der Umwelt. In der physikalischen Welt wird etwas gemessen oder gestellt: Temperatur, Feuchte, Druck, ein Schalterzustand oder eine Rückmeldung. Dieser Wert taucht in der Automationseinrichtung (AE) zum ersten Mal auf, und das ist mit physikalisch gemeint. Wie er dorthin gelangt, ist eine zweite Frage. Er kann an einer Klemme anliegen oder über ein Datenkommunikationsprotokoll kommen.
Blatt 4.3 sagt das in Abschnitt 7.3.1.1 für die Ausgaben so: „Sie repräsentieren damit die physikalischen Ausgaben des Automationssystems zur Umwelt, auch wenn diese über Netzwerk übertragen werden.“ Für die Eingaben gilt sinngemäß dasselbe. Zu den Eingabefunktionen zählen auch Datenpunkte, die irgendwo im betrachteten GA-System primär physikalisch erfasst und projektiert werden, zum Beispiel über Sensoren mit Datenkommunikationsprotokollen.
Ein Modbus-Fühler, den dein Gewerk liefert und an deiner AE einbindet, ist damit ein physikalischer Datenpunkt. Die Funktion bleibt dieselbe wie beim PT1000 an der Klemme: eine analoge Eingabe (AI).
Kleiner Tipp zur Schreibweise: Statt DDC solltest du in neuen Unterlagen AE verwenden. In der VDI 3814 heißt es Automationseinrichtung (AE), und im deutschen Raum üblich ist inzwischen AE. Auf dieser Seite steht deshalb durchgehend AE.
Gemeinsame Datenpunkte als Wertefunktion
Die Wertefunktionen stehen in Abschnitt 7.3.1.2 von Blatt 4.3. Es sind virtuelle und gemeinsame Datenpunkte. Ein Beispiel ist die Übernahme der Außentemperatur aus einer anderen Automationseinrichtung. Dazu gehören auch Sollwerte und Betriebsparameter, die laut Norm „ohne physikalische Anbindung als eigenständige Werteobjekte projektiert werden können“.
In der GA-Funktionsliste erscheinen sie meist als Werteobjekte, also als analoger oder binärer Wert (AV oder BV). Wie du solche Zeilen in der Liste zählst, steht im Artikel Datenpunktliste nach VDI 3814.
Integrationsart: Hardware, Modbus, BACnet und M-Bus
Der Übertragungsweg hat in der Funktionsliste eine eigene Information, die Integrationsart. Nach Abschnitt 7.2.5 von Blatt 4.3 wird die Integrationsart automatisch der zugehörigen Ein-/Ausgabefunktion der Spaltengruppe 1 zugeordnet, wenn die GA-Funktionsliste ohne Einträge in Spaltengruppe 0 oder ohne Systemintegrationen ist. Sonst trägt die Integrationsspalte das Datenkommunikationsprotokoll für Objekte, die nicht dem im Plankopf genannten Protokoll entsprechen. Die Integrationsart beschreibt den Weg, den eine physikalische Funktion nimmt. Eine physikalische Funktion bleibt physikalisch, egal über welchen Weg sie kommt.
In der Leistungsverzeichnis-Praxis sind für die Kalkulation vier Arten üblich: Hardware, Modbus, BACnet, M-Bus. Die Norm selbst spricht bei Hardware von Normsignalen.
- Hardware: Der Datenpunkt wird mit Standardsignalen (passiv, aktiv, 0 bis 10 V, 4 bis 20 mA, potenzialfrei) an die AE angeschlossen.
- Modbus: Der Datenpunkt wird über Buskommunikation angebunden.
- BACnet: Auch hier läuft die Anbindung über Buskommunikation, mit den Objekten und Eigenschaften des Protokolls.
- M-Bus: Typisch für Zähler, ebenfalls über Buskommunikation.
Bei den Busarten kommt ein weiterer Punkt dazu. Entsprechen die übergebenen Busdaten nicht den Vorgaben des BACtwin (Benutzeradresssystem, Spezifikation nach Objekttemplates), gelten sie als Rohdaten. Die AE muss sie dann aufbereiten, kennzeichnen und dokumentieren. Das ist der Aufwand, den die Integrationsart abbildet. Die BACtwin-Bibliotheken mit den Objekttemplates findest du mit Download-Erklärung auf der Seite BACtwin 2026 erklärt.
Acht typische Fälle mit Zuordnung und Begründung
Die folgende Tabelle ordnet acht Varianten zu, die in Planungsbüros immer wieder diskutiert werden. Alle acht Fälle gehen von einer Temperatur aus. Die Spalte Grundlage zeigt, wie weit die Norm trägt: Die Fälle 1 und 2 sind in der Norm begründet (7.2.5, 7.3.1.1), Fall 4 ist in der Norm genannt (7.3.1.2), und bei Fall 6 steht die Grundzuordnung in der Norm (Anmerkung 5, 7.3.1.2), die Bedingung ist Lesart. Bei den Fällen 3, 5, 7 und 8 leite ich die Zuordnung aus den Definitionen ab. Das ist meine Lesart und keine ausdrückliche Regel der Richtlinie, ein Gateway wie der AS-i-Master wird dort nicht eigens geregelt.
| Nr. | Variante | Zuordnung | Begründung | Grundlage |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Passiver Temperaturfühler (PT1000) an der Klemme der eigenen AE | Physikalisch, Integrationsart Hardware (E/A-Modul) | Das GA-System erfasst die Größe selbst, die Anbindung läuft über Hardware. | In der Norm begründet (7.2.5, 7.3.1.1) |
| 2 | Modbus-Temperaturfühler direkt an der eigenen AE, vom GA-Gewerk geliefert | Physikalisch, Integrationsart Bus (Modbus) | Die Größe wird im eigenen System erfasst. Die Norm behandelt Sensoren mit Datenkommunikationsprotokollen ausdrücklich als Eingabefunktionen. | In der Norm begründet (7.2.5, 7.3.1.1) |
| 3 | Temperaturfühler vom Gewerk Elektro, Wert über KNX an die AE | Gemeinsam, wenn das KNX-System fertig und normkonform projektiert übergeben wird. Sonst physikalisch mit Integrationsart Bus. | Ein fremdes, fertig projektiertes System liefert den Wert, die AE übernimmt ihn nur. | So lese ich es. Normbasis: Anmerkung 5 und 6 |
| 4 | Außentemperatur, die eine andere Automationseinrichtung (AE) erfasst und die die eigene AE übernimmt | Gemeinsam (Wertefunktion) | Die Übernahme eines Werts aus einer anderen Automationseinrichtung ist das Standardbeispiel der Wertefunktion. | In der Norm genannt (7.3.1.2) |
| 5 | Lüftungsanlage mit eigenem Schaltschrank und autarker Regelung, über Modbus eingebunden | Gemeinsam, wenn der Lieferant sie normkonform und für das Projekt projektiert geliefert hat. Sonst physikalisch mit Integrationsart Bus (Modbus). | Maßgeblich ist, wer die Projektierung geleistet hat. Eine vorkonfigurierte Anlage ohne Projektanpassung muss das GA nachprojektieren. | So lese ich es |
| 6 | Lüftungsanlage mit eigenem Schaltschrank und autarker Regelung, über BACnet/IP eingebunden, vom Gewerk RLT geliefert | Gemeinsam, unter derselben Bedingung wie Fall 5. Sonst physikalisch mit Integrationsart Bus (BACnet/IP). | Ein anderer Auftragnehmer liefert ein fertiges System, die Werte werden zwischen Automationseinrichtungen ausgetauscht. | Grundzuordnung in der Norm (Anmerkung 5, 7.3.1.2), die Bedingung ist Lesart |
| 7 | Brandschutzklappen am AS-i-Bus, AS-i-Master über BACnet/IP an das GA-Netz, vom GA geliefert | Physikalisch, Integrationsart Bus (BACnet) | Das GA liefert und projektiert die Klappen samt Master. Die Rückmeldungen und Befehle sind physikalische Größen der Umwelt. | So lese ich es |
| 8 | Dieselben Brandschutzklappen, AS-i-Master über Modbus RTU an der Modbus-Schnittstelle der AE, vom GA geliefert | Physikalisch, Integrationsart Bus (Modbus) | Wie Fall 7, nur mit einem anderen Übertragungsweg und damit einer anderen Integrationsart. | So lese ich es |
Die Zuordnung folgt einer einfachen Regel. Erfasst oder projektiert das GA-System die Größe selbst, ist die Funktion physikalisch, egal ob sie über Klemme oder über Bus kommt. Kommt der Wert aus einem anderen System oder von einem anderen Auftragnehmer, ist er gemeinsam.
Wann ein Teilsystem wirklich gemeinsam ist
An den Fällen 3, 5 und 6 scheitert es in der Praxis am häufigsten. Gemeinsam ist ein Datenpunkt nur dann, wenn derjenige, der das Teilsystem liefert, es auch richtlinienkonform geliefert hat. Das umfasst die gesamte Projektierung für den Auftraggeber, einschließlich des Kennzeichnungsschlüssels der Objekte.
Viele Anlagen kommen vorkonfiguriert und sind nicht auf das Projekt angepasst. Dann muss das GA-Gewerk sie nachprojektieren und überarbeiten. Das kann ein Nachtragsthema sein, die rechtliche Bewertung gehört in den Vertrag. Die Datenpunkte laufen als physikalisch mit der passenden Integrationsart, zum Beispiel BACnet/IP oder Modbus.
Ist das Teilsystem dagegen komplett projektiert, programmiert und auf den Auftraggeber abgestimmt, handelt es sich um eine reine Übernahme, also um gemeinsame Datenpunkte. Blatt 4.3 nennt in den Begriffen (Anmerkung 5) DALI-Lichtsysteme im Auftragsumfang des Auftragnehmers Elektrotechnik als andere Systeme. Ein KNX-System, das derselbe Auftragnehmer im Zusammenhang mit dem GA-System errichtet, gehört nach Anmerkung 6 dagegen zum GA-System. Meist brauchst du dafür noch ein Gateway, das du separat ausschreibst.
So bildet ein Leistungsverzeichnis die Integrationsart ab
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt das Leistungsverzeichnis eines Ingenieurbüros, das für große öffentliche Auftraggeber plant. Ich beschreibe den Aufbau mit eigenen Worten und zeige dazu einen anonymisierten Ausschnitt. Das vollständige Dokument gebe ich nicht heraus.
Vorab steht ein Hinweis, dass physikalische Ein-/Ausgabefunktionen nach VDI 3814 Blatt 4.3 einer Integrationsart zugeordnet werden, nämlich Hardwareaufschaltung oder Busaufschaltung. Für die Kalkulation sind die Funktionen deshalb nach Integrationsart getrennt beschrieben. Danach folgen vier Blöcke:
- Integrationsart physikalisch (Hardware)
- Integrationsart physikalisch (Modbus)
- Integrationsart physikalisch (BACnet)
- Integrationsart physikalisch (M-Bus)
Jeder Block enthält je eine Position für AI, BI, AO und BO, zusammen also 16 Positionen. Beim Hardwareblock steht im Vorspann, dass die Datenpunkte mit Standardsignalen an die AE angeschlossen werden. Bei den drei Busblöcken steht dort, dass die Datenpunkte per Buskommunikation angeschlossen werden und die übergebenen Busdaten nicht den Vorgaben des BACtwin entsprechen, also als Rohdaten gelten.
Alle Positionen verweisen auf dieselbe Funktion der GA-Funktionsliste, zum Beispiel auf die analoge Eingabe (AI) nach Blatt 4.3. Derselbe Temperaturfühler steht deshalb je nach Integrationsart in einer anderen Position mit eigenem Preis. Die Funktion ist in allen Fällen physikalisch, und der Preis richtet sich nach dem Aufwand der Integrationsart. Die virtuellen und gemeinsamen Wertefunktionen folgen danach als eigene Positionen.
GA-Coach Tipp
Halte die Zuordnung in den Vorbemerkungen der Ausschreibung fest, bevor die Firmen kalkulieren. Das spart Rückfragen und späteren Streit.
- Schreibe die acht Fälle oder die für dein Projekt relevanten mit Zuordnung hinein, besonders die Fälle mit Gateway und mit Fremdgewerk.
- Lege fest, ab wann ein Teilsystem als fertig projektiert gilt, und wer bei vorkonfigurierten Anlagen nachprojektiert.
- Schreibe Gateways als eigene Position aus.
- Verwende AE statt DDC, damit die Unterlagen zur neuen VDI 3814 passen.
Ausschreibungstexte in der GA-Coach App
Wenn du solche Positionen nicht selbst formulieren willst: Die Dienstleistungstexte nach VDI 3814, die du als Ausschreibungstexte verwenden kannst, sind in der PRO-Version der GA-Coach App enthalten. Dort findest du außerdem weitere Arbeitsmittel, Praxisbeispiele und Lernmodule. Sieben Tage PRO kannst du testen.
Wie sich aus Menge und Integrationsart ein Preis ergibt und was in Planung und Ausschreibung hineingehört, steht im Artikel Datenpunktpreis in Planung und Ausschreibung.
Fazit
Physikalisch heißt: Dein GA-System erfasst oder projektiert die Größe, über Klemme oder Bus. Gemeinsam heißt: Ein anderes System liefert den fertig projektierten Wert. Die Integrationsart beschreibt den Übertragungsweg und bildet im Leistungsverzeichnis den Aufwand ab. Hält ein Fremdgewerk die Anforderungen an die Projektierung nicht ein, projektiert das GA nach, und die Datenpunkte laufen als physikalisch mit der passenden Integrationsart. Schreibe die Zuordnung in die Vorbemerkungen, damit alle Bieter von derselben Grundlage kalkulieren.
Funktionsliste als Excel-Vorlage
Excel-Vorlage nach VDI 3814 herunterladen und Ausschreibungstexte in der GA-Coach App nachschlagen.
Dennis, dein GA-Coach
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