Ein Raum, vier Geräte – und plötzlich 35 Datenpunkte
Warum Raumautomation in jeder Kalkulation unterschätzt wird – und was die neue VDI 3814 Blatt 3.2.1 dazu sagt
Letzte Ausgabe haben wir einen Heizkreis durchgezählt. Aus 8 vermeintlichen Datenpunkten wurden 21.
Heute machen wir dasselbe mit einem Büroraum.
Ein Raum. Raumtemperaturfühler. Präsenzmelder. CO₂-Sensor. Jalousieantrieb. Vier Geräte — das klingt überschaubar.
Ich sage dir: Du wirst am Ende nicht bei 4 landen. Und auch nicht bei 10. Und wer das in der Kalkulation unterschätzt, gibt Geld aus der eigenen Tasche aus.
Was du in diesem Artikel lernst
- Problem
- Begriffe
- Praxisszenen
- Fazit
Problem
Raumautomation wird in der Planung systematisch unterbewertet. Nicht weil die Planer schlechte Arbeit machen — sondern weil ein Raum auf den ersten Blick simpel aussieht. Vier typische Denkfehler:
- Hardware = Datenpunkte — ein Fühler ergibt einen Datenpunkt. Stimmt nicht.
- Jalousie = 1 Punkt — tatsächlich: Stellsignal, Position, Lamellenwinkel, zwei Rückmeldungen, Störmeldung.
- Präsenzmelder = 1 Punkt — tatsächlich: Rückmeldung plus getrennte Auswertungsfunktionen für Temperierung, Lüftung und Beleuchtung.
- Betriebszustände kosten keine Datenpunkte — tatsächlich entstehen virtuelle Datenpunkte für jeden Zustand (Gebäudeschutz, ECO, Pre-Comfort, Komfort).
Begriffe
Im April 2025 erschien die VDI 3814 Blatt 3.2.1 als Gründruck — der offizielle Entwurf zur öffentlichen Kommentierung. Die Einspruchsfrist lief bis Ende Juli 2025. Die Einsprüche sind inzwischen bearbeitet, aktuell läuft die redaktionelle Überarbeitung. Der Weißdruck — also die offizielle Veröffentlichung — ist für die kommenden Monate zu erwarten. Diese Richtlinie definiert erstmals standardisierte GA-Funktionsmakros speziell für die Raumautomation. Wer sie noch nicht kennt: Den Gründruck gibt es direkt beim VDI.
GA-Funktionsmakro (GA-FKM)
Ein GA-FKM bündelt alle Datenpunkte, die zu einer bestimmten Funktion gehören — physikalische Eingaben, virtuelle Berechnungsgrößen und komplexe Objekte zusammen. Raumautomation besteht aus mehreren solcher Makros: Temperaturregelung, Präsenzerkennung, Luftqualität, Beleuchtung, Sonnenschutz — jedes mit eigenen Datenpunkten.
Betriebszustände der Raumautomation
Die Richtlinie definiert vier Betriebszustände mit eigenen Sollwerten — und jeder erzeugt eigene virtuelle Datenpunkte in der Funktionsliste:
- Gebäudeschutz: Frostschutz 6 °C, kein Kühlen
- ECO (Absenkung): 17,5 °C / 25,5 °C
- Pre-Comfort: 19,5 °C / 23,5 °C
- Komfort: 20,5 °C / 22,5 °C
Raumbediengerät (RBG)
Das RBG ist kein einzelner Datenpunkt — es ist ein Strukturobjekt (SV) mit eigenem Sollwertversteller (AV), Taster (BV), Rückmeldungen und Statusmeldungen. Im BACtwin 2026 Standard als AGG_RBG1_AMEV1 definiert, erzeugt es je nach Ausbaustufe 4–8 Datenpunkte allein für das Bediengerät.
Praxisszenen
Szene 1: Der Standard-Büroraum durchgezählt
Ein typischer Büroraum — Raumtemperaturfühler, Präsenzmelder, CO₂-Sensor, Jalousieantrieb. Vier physische Geräte. Was steckt wirklich drin?
- Temperatur (7 DP): Messwert (AI), Trend, Sollwert Heizen (AV), Sollwert Kühlen (AV), Sollwertversteller RBG (AV), Betriebsart Heizen (BV), Betriebsart Kühlen (BV)
- Präsenzerkennung (4 DP): Rückmeldung (BI), Auswertung Temperierung (BV), Auswertung Lüftung (BV), Auswertung Beleuchtung (BV)
- CO₂ / Luftqualität (3 DP): Messwert (AI), Trend, Grenzwertmeldung (BV)
- Jalousieantrieb (8 DP): Position (AV), Lamellenwinkel (AV), Schaltbefehl Auf/Zu (2 × BO), Rückmeldung Auf/Zu (2 × BI), Störmeldung (BV), Handbedienung (BV)
- Raumbediengerät (4–8 DP): Strukturobjekt (SV), Sollwertversteller (AV), Taster (BV), Statusmeldungen (BV)
- Virtuelle Objekte (4–6 DP): Betriebszustand AE, Zeitprogramm, Meldungsklassen (anteilig)
Ergebnis: Aus 4 physischen Geräten werden 30–35 Datenpunkte.
Die BACtwin 2026 Bibliothek (AMEV 1.2) liefert fertige Templates für jeden Raumtyp — das ist die schnellste Grundlage für eine belastbare Zählung.
Szene 2: Was eine Hersteller-Applikation wirklich enthält
Fertige Raumregler-Applikationen machen die Komplexität sichtbar — auch wenn es niemand so nennt. Ein typisches Beispiel: Raum mit Kühldecke, Warmwasserheizkörper, Beleuchtung und Jalousien. Von außen ein Gerät, ein Bediengerät, ein Präsenzmelder.
Was in der Funktionsliste steckt — physikalisch:
- Fensterkontakt (BI)
- Präsenzerkennung (BI), ggf. mit Helligkeitsfühler
- Kondensationswächter (BI) — überwacht Taupunkt an der Kühldecke, sperrt Kühlventil bei Unterschreitung
- Kühlventil 3-Punkt: Schaltbefehl Auf + Zu (2 × BO)
- Heizventil 3-Punkt: Schaltbefehl Auf + Zu (2 × BO)
- 4 Beleuchtungszonen (4 × BV)
- 2 Jalousienantriebe: Auf + Zu + Rückmeldung (6 × BO/BI)
Dazu kommen virtuelle Datenpunkte und Sollwerte:
- Temperatursollwert Heizen (AV), Kühlen (AV)
- Sollwertversteller RBG (AV)
- Betriebsart Heizen/Kühlen (BV), aktuelle Betriebsart (BV)
- Jalousie Position (AV), Lamellenwinkel (AV)
- Störmeldungen, Statusobjekte (BV)
Das macht für "einen Raum mit Kühldecke" gut 25 Datenpunkte — und das ist die einfachere Variante. Komplexere Applikationen mit Volumenstromregelung kommen schnell auf 40+.
GA-Coach Tipp: Schau dir die Applikationsdatenblätter von Herstellern an — sie zeigen, was in typischen Räumen alles enthalten ist, und haben meist sehr gute Beschreibungen der Funktionen, die du oft neutral verwenden kannst.
Szene 3: Effizienzklasse, GEG und warum das gerade in Bewegung ist
Die GA-Effizienzklasse bestimmt, wie viele Makros und damit wie viele Datenpunkte ein Raum braucht. Als grobe Orientierung: Klasse C ist die Ausgangslage — im Neubau sollte es mindestens Klasse B sein.
Hier ein ehrlicher Hinweis: Das regulatorische Umfeld ist gerade in Bewegung. Das GEG 2024 verweist auf die DIN V 18599-11 — die wurde aber im Oktober 2025 zurückgezogen und durch die DIN/TS 18599-11 ersetzt. Das Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), welches das GEG ablöst, hat am 13.05.2026 den Kabinettsbeschluss passiert. Parallel dazu wird die VDI 3814 Blatt 3.2.1 in den Weißdruck gehen — und dann werden die Effizienzklassen in der Raumautomation konkreter definiert sein als heute.
Deshalb hier kein tieferer Einstieg in das Klassensystem — das würde heute schon morgen überholt sein.
Was jetzt gilt: Effizienzklasse früh im Projekt klären, mindestens auf Klasse B zielen und dokumentieren, auf welche Norm du dich beziehst.
GA-Coach Tipp
VDI 3814 Blatt 3.2.1 — Gründruck, jetzt verfügbar Erschienen im April 2025. Einspruchsfrist abgelaufen. Redaktionelle Überarbeitung läuft. Der Weißdruck kommt in den nächsten Monaten. Wer Raumautomation plant, sollte den Entwurf jetzt kennen — nicht erst wenn er offiziell ist.
Den Gründruck gibt es direkt beim VDI: vdi.de → VDI 3814 Blatt 3.2.1
Werkzeug-Tipp: Der Datenpunkt-Wizard in der gacoach.app hilft dir, Raumautomations-Datenpunkte strukturiert zu erfassen und nach BACtwin-Standard zu kennzeichnen.
Fazit
Ein Büroraum ist in der Raumautomation kein einfaches System. Er ist ein Zusammenspiel aus Temperierung, Präsenzerkennung, Luftqualität, Beleuchtung und Sonnenschutz — mit eigenen Betriebszuständen, eigenem Raumbediengerät und Sicherheitsfunktionen wie dem Kondensationswächter, die in der Funktionsliste oft fehlen.
Wer das beim ersten Angebot unterschätzt, holt die Stunden nicht zurück.
Strukturiert planen mit der GA-Coach App
Datenpunkte erfassen, BACtwin-Standard anwenden, Funktionsliste aufbauen.
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